Wenn die digitalen Schubladen nicht mehr zugehen – wie Medienkonsum unsere mentale Gesundheit beeinträchtigt und was wir dagegen tun können
Eine offene Schublade kann man leicht schließen. Manchmal braucht das etwas Routine und einen gewissen Willen, wenn man davor noch die Schublade aufräumen möchte. Wahrscheinlich kennen es die meisten: wenn unser Umfeld unordentlich ist, fühlen wir uns gestresst und sind genervt – äußere Unruhe verursacht innere Unruhe.
Medienkonsum und die Stimmen im Kopf
Bei der Mediennutzung ist das ähnlich. Hier werden permanent Schubladen geöffnet, allerdings in unserem Kopf. Die Inhalte schwappen über uns wie Wellen: „Habe ich vielleicht wichtige Nachrichten?“, „Ob es wohl schon ein neues Video von diesem oder jenem gibt?“, „Ich muss mal sehen, ob es in der Supermarkt App wieder neue Angebote gibt“, „Oh je, ich muss noch die Emails an X und Y beantworten!“, „Ob es auf Insta irgendwas Spannendes gibt?“. Anstrengend, oder?
In den Köpfen unserer Kinder geht es noch viel wilder zu, ein nicht endend wollender Strom an Gedanken: „Ob mein neuer Post oft geliked wird?“, „Ich will jetzt zocken!“, „Ich muss kurz sehen, ob ich noch Teil der Gruppe bin?“, „Was, wenn jetzt gerade was Lustiges in Chat passiert?“, „Die anderen sind besser in Fortnite – ich sollte jetzt üben.“, „Ich muss schauen, ob es was zu liken gibt, sonst wirkt das komisch, wenn ich zu lange mit meiner Reaktion warte“, „Ich MUSS jetzt zocken!“, „Sehe ich im letzten Post gut genug aus?“, „Ich schau nur kurz…“.
Dabei ist es egal, ob wir unsere Smartphones oder Tablets in der Hand haben oder eigentlich etwas ganz anderes machen. Wir reißen gedanklich immer weitere Schubladen auf. Wir kleben überall im Kopf neue Post-its hin, mit Nachrichten, die wir noch lesen oder verschicken wollen, mit Schnäppchen, die wir entdecken könnten und Ablenkungen, denen wir noch erliegen müssen.
Das Schlimme ist, diese mentalen Schubladen lassen sich nicht so einfach wieder schließen. Bei echten Schubladen können wir das Chaos vorübergehend relativ gut ausblenden, indem wir sie schließen. Klappe zu. Wirrwarr weg. Heute kein Theater. Und wir können jede Schublade wieder einzeln aufziehen, den Krimskrams, der sich dort angesammelt hat, in sehr überschaubarer Zeit aussortieren und endlich die physische Ruhe genießen. Denn natürlich rufen auch volle, geschlossene Schubladen uns ganz leise ihre Bedürfnisse zu.
Im Gegensatz dazu springen digitale Schubladen immer wieder auf. Der Inhalt kommt unkontrolliert und willkürlich heraus und bringt unseren Kopf zum Dröhnen. Je intensiver wir Medien nutzen, desto mehr Knarzen ist da. Während der Nutzung und eben ganz besonders auch zwischendurch, ohne, dass wir es kontrollieren könnten.
Die digitale Kommode entrümpeln
Aber was können wir dagegen tun?
Am gesündesten wäre es sicher, die ganze digitale Kommode zu entsorgen. Smartphone raus, Tablet weg, Gaming Computer gleich mit. Für die Erreichbarkeit täte es auch ein „Feature-Phone“. Aber das ist wohl leider, zumindest wenn man schon einmal damit angefangen hat, wenig realistisch und insbesondere aus beruflichen Gründen nicht möglich.
Hier gleich eine dringende Bitte und Empfehlung an alle Eltern, deren Kinder noch kein digitales Endgerät haben oder nutzen: bitte schafft erst gar keins an! Ich weiß, es sind Kämpfe das durchzusetzen, aber zum Schutz unserer Kinder, finde ich, müssen wir uns dieser Herausforderung stellen. Und wer seinem Kind vermittelt, auch ohne diese Geräte cool genug zu sein, stärkt dabei gleichzeitig das Selbstbewusstsein seines Kindes.
Gesund bleiben im digitalen Alltag – konkrete Schritte für bewussteren Medienkonsum
Und jetzt: Was können mögliche Schritte sein, um in Bezug auf Mediennutzung den Mental Load zu verringern?
- Newsletter Abos abbestellen: Manche Newsletter bauen einen auf und geben neue Impulse. Andere nerven, weil man gar nicht die Zeit findet, sie zu lesen. In diesem Fall kann man entweder ganz gezielt das Postfach durchsuchen und sich von einen Newsletter nach dem anderen abmelden oder, immer wenn eine neue Newsletter-E-Mail reinkommt, die man eigentlich sowieso nicht liest, diese sofort für die Abmeldung nutzen. So kommt Schritt für Schritt mehr Ruhe ins Postfach und damit auch in den Kopf.
- Gerätezeiten einrichten: Während der Arbeitszeit können (und sollten?) privat genutzte Geräte außer Sicht- und Hörweite liegen. Beruflich genutzte Geräte sollten andersherum vor Arbeitsbeginn und nach Feierabend ausgeschaltet werden und selbstverständlich auch im Urlaub, der ist ja zur Erholung da. Im Schlafzimmer generell und ganz besonders nachts haben Smartphone und Tablets rein gar nichts zu suchen. Wenn es hierfür eine Steigerung gibt: das gilt für Kinderzimmer ganz besonders!
- Apps deinstallieren: Es gibt tausende von Apps, aber eines haben sie praktisch alle gemeinsam. Sie wollen uns etwas verkaufen oder zumindest unsere Daten nutzen, damit andere uns etwas verkaufen können. Alleine deswegen ist es sinnvoll, Apps sparsam zu verwenden und einmal grundlegend zu hinterfragen, ob ihr Nutzen die Kosten in Form von ständigen Kaufanreizen und Datensammlung überwiegt. Hier kann man wie beim Aussortieren physischer Dinge vorgehen: was einem keinen Mehrwert bringt oder einen stresst, in welcher Weise auch immer, darf gehen bzw. deinstalliert werden.
- Social Media Plattformen verlassen: Es mag wohl interessante Inhalte auf Instagram, Facebook und Co. geben. Aber auch hier gilt, es sind gut getarnte Verkaufsplattformen und Datenstaubsauger. Und selbst wenn man den „Lieblingsprodukten“ mancher Influencer widerstehen kann, zahlt man doch oft das stundenlange Daddeln mit seiner Lebenszeit. Also weg damit! (Als Social Media Minimalist nutze ich selbst keine sozialen Plattformen und es geht mir so gut dabei!)
- Chatgruppen aussortieren: Alleine die Vorstellung mag verunsichern und sich wie eine unüberwindbare Hürde anfühlen. Aber das ständige Pling neuer Nachrichten reißt uns unaufhörlich aus unserem Alltag und unserer Konzentration, im traurigsten Fall sogar aus Unterhaltungen und Momenten mit unseren Liebsten. Sicherlich gibt es Gruppen, die einem viel Freude bereiten (diese könnte man zumindest versuchsweise auf stumm stellen und nur gelegentlich reinschauen). Aber die Gruppen, die einen langweilen oder einem vielleicht sogar negative Gefühle verursachen? Man darf sie guten Gewissens verlassen. Ziel ist nicht, andere damit vor den Kopf zu stoßen oder zurückzuweisen, sondern unsere mentale Gesundheit zu schützen. Als schönen Nebeneffekt regen wir damit vielleicht auch andere zum Nachdenken an.
- Digital Detox nutzen: Der Name sagt es ja schon, digitale Endgeräte und Social Media können toxisch wirken und eine Auszeit heilend sein. Je länger wir gar keine Medien nutzen, desto mehr verhallen die Stimmen in unserem Kopf und die Schubladen schließen sich allmählich. Manchmal klappt vielleicht eine davon noch einmal auf, aber wie von magischer Hand schließt sie sich dann allmählich auch wieder, still und leise.
Innere Ruhe beginnt oft mit äußerer Ordnung. Dafür können wir etwas tun, in vielen kleinen Schritten oder großen Zügen. Doch erst, wenn wir lernen, auch unsere digitalen Schubladen zu schließen, können wir im Kopf wieder richtig abschalten.
Wenn Du das Gefühl hast, dass Dein eigener Medienkonsum zu viel Unruhe in Dein Leben bringt oder Du Dir professionelle Unterstützung bei einem klassischen Ordnungscoaching wünschst, melde Dich gerne bei mir. Gemeinsam schaffen wir wieder Raum für Ruhe, Fokus und Leichtigkeit.
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